„Der Prinz ist tot“

Hedi Schaefer

Credits: Ellis Blick, Verden / Instagram: ellis.blick_fotografie

Der Prinz ist tot

… und ich darf endlich leben

Hedi Schaefer hat lange auf den Prinzen auf dem weißen Pferd gehofft, ehe sie sich schließlich selbst rettete. Und so wurde aus der Kulturmanagerin und Innovationsberaterin eine leidenschaftliche Trainerin für Persönlichkeitsentwicklung, die viele Menschen bei der Entfaltung ihrer oftmals gut versteckten Begabungen und Neigungen unterstützt. Wir haben mit Hedi über die tiefen Dinge des Lebens gesprochen, über gute Wege zur Selbstfindung, falsche Programmierungen und die Kraft des Herzens und der Kreativität. Und ja, auch zu den modernen Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz hat Hedi Schaefer vieles zu sagen, das im Gedächtnis bleibt.

Wenn Sie das Gespräch mit Hedi Schaefer gelesen haben, blicken Sie mit anderen Augen auf unsere Welt – versprochen!

Liebe Hedi, Du unterstützt Menschen auf dem Weg zur Selbstfindung und siehst eine bessere Welt, wenn die darin lebenden Geschöpfe ihre Fähigkeiten und Leidenschaften entfalten und wachsen lassen. Erfüllte Menschen bereichern sich und andere, richtig?

Oh ja. Das hast Du schön gesagt:)

Wenn wir erfüllt sind von dem, was wir tun, wird unser Denken und Fühlen massiv positiv beeinflusst. Wir kommen dann in eine Art Flowzustand, unser Hirn verlässt den Überlebensmodus, ist entspannt und wir können viel produktiver sein. Das ist nicht nur ein echt „netter Zustand“, sondern auch der Inbegriff von mentaler Gesundheit, die sich in unserer physischen Gesundheit und hohen Energie widerspiegelt. Da wir Energie täglich aussenden, haben dann auch alle in unserem Umfeld etwas davon.

Leider haben wir nur oft gar keine Ahnung, was wirklich in uns steckt. Wir haben durch ein Hamsterradleben und gesellschaftliche Programmierungen unsere Leidenschaften häufig verloren oder sind durch limitierende Glaubenssätze, Muster, Gewohnheiten und häufig sogar (Generations-)traumata blockiert. Ich war lange Jahre in der Innovationsberatung tätig, da haben wir großartige Werkzeuge vermittelt um innovativer, agiler und kreativer zu werden. Das bringt aber alles nichts, wenn wir den Boden, auf den sie fallen, nicht in Betracht ziehen. Ich glaube heute, dass wir unsere innere Stärke vielmehr in die erste Reihe rücken sollten, damit wir wirklich Zukunft kreieren können. Und diese kommt durch Klarheit was und wohin wir wollen, Klärung der Blockaden und der Aktivierung der Kreations-Kraft durch das Verändern von Gewohnheiten.

Wir leben in einer stark vernetzten und zunehmend digital dominierten Welt. Wie kann sich die/der Einzelne inmitten dieser eiligen Flut an Informationen und Manipulationen noch selbst finden und entwickeln?

Das stimmt. Wir können nicht in unsere Kraft und Klarheit kommen, wenn wir nach außen schielen. Wenn wir hetzen, im Überlebensmodus, den Kopf gerade mal so über Wasser schwimmend auf den nächsten Strohhalm im außen warten. Ich bin das beste Beispiel dafür, dass das nicht funktioniert. In meiner Identitätskrise, nachdem ich Mutter wurde und ich nicht mehr wusste, wer ich wirklich bin, hab ich immer auf den Prinzen auf dem weißen Pferd gehofft. Auf jemanden, der mich rettet. Und ich habe gedacht, ich müsste es einfach genauso machen, wie die Instagram-Mamas auf ihren Reisen um die Welt. Und je mehr ich wartete und mich mit Menschen verglich, die ich nicht einmal kannte, desto mehr verlor ich mich. Doch der Prinz war tot – und ich durfte endlich leben!

Was es in unserem Zeitalter braucht, ist den Mut zu sagen: Nein und Pause, bitte. Nein zu permanenten Aufmerksamkeitsangeboten. Denn sie sind ein Angebot, dass wir jederzeit ablehnen dürfen. Und den Pausenknopf drücken vom Rennen, abarbeiten. Wir heißen auf Englisch nicht umsonst Human Being, nicht Human Doing. Die Antworten kommen in der Stille. Wie viele Menschen berichten davon, die besten Einfälle unter der Dusche zu bekommen. Also in den 2 Minuten, in denen sie mal nicht vernetzt sind. Das ist doch ein wichtiges Zeichen!

Das Problem ist meiner Erfahrung nach nicht, dass es die unbegrenzten digitale Informationen und oftmals Verführungen gibt. Das Problem ist, dass wir zu wenig unser Leben und unseren digitalen Konsum führen. Und uns stattdessen führen lassen. In meinen Masterminds gibt es regelmäßig große AHAs, wenn die Teilnehmer:innen ihre „energetische Inventur“ machen. Und sich hier eine Woche lang ehrlich fragen: Was zieht mir Energie? Was gibt mit Energie? Und wie viel Energie/Lebenszeit verschenke ich durch sinnlose Zerstreuung? Danach folgt meist die Erkenntnis: Ich brauche gar nicht MEHR Zeit, um einzukehren. Ich darf meine Zeit und Energie einfach WENIGER sinnlos verbrauchen und verschenken. Und stattdessen für das einsetzen, was mir Energie gibt.

Künstliche Intelligenz übernimmt immer mehr Aufgaben, die bisher dem Menschen vorbehalten waren – und erledigt viele davon in weitaus höherer Qualität. Was bleibt von menschlicher Entfaltung, wenn die Maschine alles besser macht?

Ich glaube: KI ist ein Werkzeug. Du bist der Gestalter.

Wenn ich den Glaubenssatz vertrete, dass KI besser ist als ich und nur darauf warte, bis ich von ihr gefüttert und durch die Gegend getragen werde, dann habe ich kein Werkzeug geschaffen, was mich in meinem Tun unterstützt. Sondern einen Menschenhalter.

Ich denke, wir dürfen das Maß, wie viel Macht und Selbstwirksamkeit wir abgeben zumindest mitentscheiden. Weniger in Angst erstarren und abwarten, bis etwas passiert und wie wir nur noch reagieren können.

Was wäre, wenn wir proaktiv sind und Fragen stellen, wie: „So, KI wie kannst du mir heute dabei helfen bessere Marketingtexte zu verfassen? Denn dann habe ich mehr Zeit für neue Projektideen, Team und Persönlichkeitsentwicklung“. Nur als Beispiel. 

KI kann viel und mit der Zeit mehr und mehr lernend ersetzen. Dazu kommen dann aber auch wieder neue Bereiche oder ein anderer menschlicher Fokus hinzu. Denn zwei Dinge kann KI nicht: Herz und Kreativität. Es kann ausführen, wenn wir füttern. Und das dürfen wir wie gesagt steuern. Und mehr Zeit darauf verwenden, die uns jetzt nämlich geschenkt wird auf kreative Zusammenarbeit, Entfaltung und sinnstiftende Innovationen. Ein „win“. Wenn wir hier den Fokus setzen, können wir meines Erachtens von dem KI-Zeitalter nur profitieren.

Hier noch ein paar Beispiele aus verwandten Kontexten. Zum Nachdenken über jüngste Entwicklungen und menschliche Bedürfnisse. Und zum Nachdenken über die Frage: Was kann KI und was nicht?

Beispiel 1: Mein Mann ist Steinmetz. In diesem Bereich ist es vor allem in Norddeutschland Usus, auf Lasergeräte zurückzugreifen. Also: Billigen polierten Grabstein aus China importieren und dann vor Ort mit Laserstrahl beschriften und mit maximalem Gewinn verkaufen. Das Ergebnis siehst du auf den Friedhöfen: ein Einheitsbrei. Mein Mann ist auf diesen Zug nie aufgesprungen und besitzt diese Werkzeuge nicht. Nun könnte man meinen: Dann wird er wohl auch nicht gefragt sein und weniger Umsatz machen. Das Gegenteil ist der Fall. Denn du sprachst von Qualität. Das ist subjektiv. Er macht maßgeschneiderte Handarbeit mit Herz nach individuellen Vorgaben und mithilfe seiner Kreativität. Das ist zwar nicht perfekt wie ein Laserstrahl. Aber hochwertig. Er hat eine enorm starke Kundenbindung, weil ihm die Menschen vertrauen und er das übersetzt, was dieser Kundenstamm sucht. Ein Laserstrahler schafft das nicht.

Jetzt also wäre hier die Frage: Kann KI Vertrauen schaffen? Kann KI menschliche Bedürfnisse empathisch nachempfinden und beantworten?

Beispiel 2: Neulich waren wir in einem Café in Groningen. Neben uns saß ein Pärchen aus dem Wissenschaftsbereich. Deutsche. Daher durfte ich die Konversation verfolgen. Sie beklagten sich heftig darüber, dass ihr Chef an der Uni offensichtlich die Newsletter und Mails nicht mehr selber verfasst. Sondern „ein Assistent“. Die Tonalität und Ansprache sei einfach nicht mehr die gleiche und sie waren sichtlich enttäuscht über diese Entwicklung.

Ich weiß nicht, ob der besagte Chef KI nutzt. Ich kann aber meine Beobachtung teilen, dass mich Marketingtexte immer weniger ansprechen, weil ersichtlich ist, aus welcher Feder sie stammen. Beziehungsweise eben nicht.

Frage also: Kann KI wirklich die individuelle Art und Weise wie ich etwas vermitteln möchte antizipieren? „Schwingt“ KI?

Beispiel 3: Jahrelang hab ich als Innovationsberaterin weltweit „Digitalisierungsprojekte“ in Unternehmen begleitet. Was zu Anfang eine riesengroße Aufregung war, entpuppte sich schlicht als ein Wachstums-Prozess. Der, wenn die Bereitschaft da war, so gestaltet werden durfte, dass die Mitarbeiter:innen und damit das Unternehmen und damit die gesamte Kultur davon profitierten. Die Projekte waren dort erfolgreich wo Menschen als Unternehmens-Kapital erkannt und gefördert wurden und digitale Werkzeuge lediglich die Prozesse unterstützten und erleichterten.

Frage also: Wie kann uns KI helfen uns zu verbessern und unsere Vision / Mission leichter, schneller oder zufriedenstellender umzusetzen?

Was ist Deine größte Leidenschaft, wofür brennst Du?

Ich brenne für sinn-volle Neugestaltungen. Einer Welt, die nicht auf Defiziten, Angst und Chaos aufbaut. Und das Label: „Überleben“ trägt. Sondern: Enthüllung der Erfüllung.

Ich brenne für Neugestaltungen von und durch Menschen, welche die einzige Konstante im Leben: die Veränderung (siehe Heraklit) meistern und diesen Prozess 10:0 für sich entscheiden. Für das Begleiten von Menschen, die den für sich und ihre Umstände passenden Work-Lifestyle kreieren. Und dadurch zufriedener leben und ihre Ideen erfolgreich umsetzen.

Ich brenne für (Neu)gestaltungen von Unternehmen, Teams und deren Kultur über die Klarheit von Visionen und Werten, das Auflösen von Blockaden und für das Weitergeben von dafür wichtigen Zukunftskompetenzen wie Online Workshop Design oder Design Thinking.

Ich brenne für das Kennenlernen anderer Kulturen, kulinarische Exkursionen und dafür mich immer wieder von anderen Seiten neu kennenzulernen. Ich war /bin in meinen zwanzig Berufsjahren Kulturmanagerin, Innovationsberaterin, Autorin, Speakerin, Coach für Persönlichkeitsentwicklung. Wer weiß, was noch alles dazukommt.

Und ich brenne dafür, meiner Tochter und ihren Freund:innen einen nahrhaften Boden zu hinterlassen, auf dem sie nichts mehr bereinigen oder aufräumen müssen. Sondern nur noch in Freiheit, Frieden und viel Freude gestalten.

Liebe Hedi, danach kann nichts mehr kommen. Ich danke Dir von Herzen für dieses inspirierende Gespräch.

Interview:
Markus Matt,
Journalist und HR-Experte